Recht auf E-Lesen statt einer EU-Lesesteuer

Zur Forderung nach einer Bibliothekstantieme und Herausforderung E-Bücher für Bibliotheken. Von Hans Ulrich Locher


Ebook zwischen Büchern in Buchregal

Zum Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)...

Der Verband der Schweizer Autoren fordert, dass auf kostenlosen Ausleihen von Büchern durch Bibliotheken eine Steuer erhoben wird. Sie trägt den poetischen Namen Bibliothekstantieme und verlangt für eine öffentliche Dienstleistung eine Entschädigung, die gar keinen Schaden verursacht.

Die Bibliotheken kaufen jährlich für über 120 Mio. Franken Bücher und finanzieren somit etwa 12 Mio. Franken an Schriftstellerhonoraren. Dieser Betrag wird vorwiegend von den Steuerzahlenden aufgebracht, um möglichst vielen Menschen den freien Zugang zu Informationen zu garantieren. Dieser Publikumsservice wird durch die Bibliothekstantieme in Frage gestellt.

Das Zehnfache der Fussballzuschauer

Die Bibliotheken sind die grössten Förderer des Lesens und der Literatur; sie sind die geistigen Fitnesszentren unserer Gesellschaft. Sie werden jährlich von rund 20 Mio. Personen besucht und haben somit zehnmal mehr Publikum als die oberste nationale Fussballliga: publikumsmässig spielen sie in der Champions League. Sie veranstalten in der Schweiz über zehn Lesungen pro Tag oder 3700 Veranstaltungen zur Förderung des Lesens, der Literatur und der Schreibenden pro Jahr.

Diese erzielen daraus ein Einkommen von weiteren 2 Mio. Franken jährlich. Trotzdem klagt eine Autorin in der Broschüre «Autorinnen fair entschädigen», dass sie keine Vorsorge, keine bezahlten Ferien und keine Krankheitstage habe. Der geneigte Leser fragt sich, ob ihr Verband nicht die Grundlagen selbständiger Erwerbstätigkeit schulen sollte, statt aufwendig gestaltete Broschüren für das Politmarketing unter die Leute zu bringen.

Damit verderben es die tintenblauen Schreibgenossen ausgerechnet mit ihren besten Kunden und den wichtigsten Förderern der Literatur: den Bibliotheken. Würden sie als Reaktion auf die Forderung keine Lesungen mehr organisieren, ersparen sie sich viel Aufwand ohne selber gross Schaden zu nehmen: den hätten die Literaten.

Urheberrecht ist nicht Literaturförderung

Denen ist das irgendwie schon bewusst. Die Bibliothekstantieme sollen nicht die Bibliotheken bezahlen: «Die Träger und die öffentliche Hand stehen in der Pflicht.» Bei dieser Rabulistik kommen die sprachlichen Fähigkeiten der Broschürentexter zur Geltung. Die politische und staatsrechtliche Realität dagegen wird naiv ausgeblendet. Eine Ausleihtantieme im eidgenössischen Urheberrecht wird keinen Kanton und keine Gemeinde dazu verpflichten können, die Kosten einer Ausleihtantieme zu übernehmen. Sie aber finanzieren die überwiegende Zahl von Bibliotheken und wenn eine Bibliothekstantieme eingeführt wird, belastet sie das Budgets für den Literatureinkauf und entsprechend kleiner wird das bibliothekarische Angebot: ein klassisches Eigentor für die Autoren.

Faktisch geht es um die Einführung einer Lesesteuer, wie sie die EU vor über 20 Jahren in einer Direktive den Mitgliedsländern empfohlen hat. Das Urheberrecht ist aber nicht dafür geschaffen, Literaturförderung zu betreiben. Vermutlich gibt es heute schon zu viel Literaturförderung, zu viele Literaturhäuser, zu viele Schreiblehrgänge, zu viele Preise und zu viele Schreibende; dafür fehlt es an Käufern, Lesenden und der Beachtung von Literatur im Allgemeinen und der schweizerischen im Speziellen.

Daraus resultieren wie in jedem Markt zu tiefe Preise, zu geringe Einkommen – zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Im deutschen Sprachraum könnten mehrere Jahre lang Bücher verkauft werden –  ohne dass ein einziges neu gedruckt werden müsste –  bevor alle Lager und Läden leer wären. Welche Branche produziert acht Jahre auf Halde?

Selbstverleger-Tsunami

Der gesamte Produktions- und Distributionsprozess von Büchern befindet sich mitten in einer technologischen Revolution, die wie ein Tsunami die 500jährige Gutenbergtechnik durcheinanderwirbelt. Leider klammern sich die Autoren und Verlage wie vor wenigen Jahren die Musikindustrie an traditionelle Strukturen und verpassen dabei den Anschluss. Plötzlich stürmen völlig unbekannte Autorinnen über Webseiten und als Selbstverleger die Bestsellerlisten. Das Beispiel «Fifty Shades of Grey»: Eine Romantrilogie, deren Erfolg allein in den USA wöchentlich zum Druck von einer Million Exemplaren führte.

In wenigen Jahren ist damit zu rechnen, dass doppelt so viele Titel wie heute in deutscher Sprache publiziert werden. Der Markt mit heute schon gegen 100‘000 Neuerscheinungen wird von niemandem mehr zu überblicken sein. Die Bibliotheken bieten zumindest einen systemischen Ansatz, in der Flut von Titeln aufgrund ihrer Strukturen und Prozesse eine Auswahl zu präsentieren, welche qualitative Kriterien erfüllt und ihrer Kundschaft die Qual der Wahl vereinfacht.

Keine E-Bücher für Bibliotheken?

Nun ist gerade diese Qualität der Bibliotheken aufgrund der digitalen Entwicklung ebenfalls in Frage gestellt. Einige grosse Verlage schliessen die Bibliotheken vom E-Buchverleih aus, weil sie ihnen keine Lizenzen für die Ausleihe von E-Books erteilen.

Das ist eine Kriegserklärung an die Bibliotheken als beste Kunden der Verlage und wird als Versuch verstanden, das E-Buchzeitalter zu nützen, um den Vertriebskanal Bibliotheken selber zu bewirtschaften. Amazon bietet bereits eine eigene Bibliothekslösung an und offeriert den Autoren für die Präsenz in ihrem System attraktivere Konditionen als sie traditionelle Verleger im Printbereich den Autoren bieten.

Die Bibliotheken und ihre Verbände reagieren auf diese Entwicklung mit dem Slogan: «Wir fordern das Recht auf E-Lesen». Sie möchten sicherstellen, dass sie weiterhin E-Bücher ausleihen können, was viele in der Schweiz bereits seit Jahren erfolgreich tun.

Chancen packen

Die Forderung nach einer Bibliothekstantieme liegt angesichts dieser fundamentalen Veränderung von Produktion und Vertrieb von Literatur völlig quer in der Landschaft. Sie verkennt, welche Chancen sich aktuell den Schriftstellern bieten: Internetplattformen mit wesentlich besseren Konditionen als traditionelle Verlage; kostengünstigere Produktion und Vertrieb durch digitales Publizieren, keine Lagerhaltung, vollständige Kontrolle des Absatzes über Lizenzen.

Statt der Forderung nach einer Lesesteuer sind dazu allerdings eigene Anstrengungen nötig, die auch zur Erkenntnis führen würden, dass Verlage mit all ihren Leistungen und Diensten auch etwas für Autoren tun, und es darunter kaum Geldmaschinen und noch weniger Abzocker gibt.

Die Bibliothekstantieme gehört ins letzte Jahrtausend und nicht in die Gegenwart. Staatsschreiber Gottfried Keller, der nebenamtlich als Nationaldichter wirkte, würde sich bei der Forderung seiner Nachfahren die Augen reiben. Sie gelten als Freiberufler und geben sich gerne staatskritisch; jetzt verlangen sie nichts anderes als staatlich besoldete Schreiber samt Pensionskassengarantie zu werden.

Dr. iur. Hans Ulrich Locher, Geschäftsführer der Schweizer Bibliotheksverbände BIS und SAB/CLP

Schweizer Bibliotheken in Zahlen

Einkauf Medien pro Jahr120 Mio. CHF
Ertrag/Honorare daraus für Autoren12 Mio. CHF
Anzahl Lesungen pro Jahr3700
Auftrittshonorare Lesungenca. 2 Mio. CHF
Autoren-Ertrag Medienvermietung415'000 CHF
Bibliotheksbesucher pro Jahrüber 19 Mio.
Bibliotheksausleihen pro Jahr41 Mio.


(Quelle: BFS, Bibliotheksstatistik, Erhebung zum Kulturverhalten, nationaler Verband BIS)

06.04.2014
06.04.2014
Kategorie: Verbandsaktivitäten